Mit La Escuela Superior de Música Reina Sofía stellt sich eine noch vergleichsweise junge Elite-Musikschule in Frankfurt vor.

Von Stefan Schickhaus

Allzu viele Jahre musste Paloma O’Shea mitansehen, dass bei einem so renommierten Klavierwettbewerb wie dem 1972 von ihr initiierten Santander International Piano Competition so gut wie nie spanische Pianisten die Finalrunden erreichten. Überhaupt waren junge Musiker aus Spanien auffallend unterrepräsentiert bei internationalen Wettbewerben. Und daran wollte Paloma O’Shea, selbst Pianistin, damals verheiratet mit dem Präsidenten der Banca Santander und mittlerweile vom spanischen König mit dem Titel einer „Marquesa“ für ihr Lebenswerk ausgezeichnet, etwas ändern. Benötigt wurde: Eine Ausbildungsstätte, die erstklassigen Nachwuchs ermöglicht, Spitzenförderung für die Musik. Allein in und um Madrid gibt es zwar 17 verschiedene Musikschulen und Konservatorien, das bekannteste ist das Real Conservatorio Superior de Música. Doch international gesehen, spielen diese ehrenwerten Institutionen keine Rolle. Es unterrichten fast ausschließlich ortsansässige Professoren, die Studierenden haben und finden keinen echten Exzellenzanspruch. Das sollte sich ändern durch die Escuela Superior de Música Reina Sofía. Wie beim Konservatorium steht eine Königin im Namen: Königin Cristina hatte 1830 dem Real Conservatorio der royalen Titel gegeben, 1991 nun stellte sich Königin Sofia hinter die neugegründete Musikschule. Sie gilt ja ohnehin als große Unterstützerin und Liebhaberin der Musik, und als Ehrenpräsidentin ist sie nicht nur bei der Übergabe der Diplome aktiv beteiligt. Präsidentin der Reina Sofia School of Music ist wiederum Paloma O’Shea.12

Der Dirigent Paul Goodwin leitet die Camerata der Königin-Sofie-Musikschule in Frankfurt.

Eine Königin und eine Marquesa stehen an der Spitze, doch nicht minder große Namen aus dem Bereich der Musik bilden die tragfähige Basis dieser Privatschule. Im Namen von Reina Sofia ist es nämlich gelungen, hervorragende Instrumentalisten und Professoren nach Madrid zu holen. Der Pianist Dmitri Baschkirow, der als Meistermacher bekannte Violinpädagoge Zakhar Bron und seine nicht minder angesehene Kollegin Ana Chumachenco, der Cellist Ivan Monighetti, der Ausnahme-Hornist Radovan Vlatković, der Oboist Hansjörg Schellenberger, der Flötist Jacques Zoon – für jedes Instrument findet sich ein echtes Großkaliber auf der Unterrichtsliste. Damit hat sich diese Escuela Superior de Música den Ruf erarbeitet, eine der besten Musikschulen Europas zu sein. Selbstbewusst vergleicht man sich mit den führenden deutschen Musikhochschulen, mit der Berliner Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ etwa, mit Köln und München.

Entsprechend schwer ist es, einen Studienplatz zu erhalten. Nur rund 10 Prozent der Bewerber bestehen die Aufnahmeprüfung, sie sind im Schnitt 20 Jahre alt. Und natürlich ist die Schule offen für alle Nationalitäten, auch wenn die Grundidee war, mehr Spanier auf den Siegertreppchen zu sehen. Aus 30 Ländern kommen die derzeit 150 Studierenden, und sie werden nicht nur auf ihrem Instrument geschult, sondern auch in Sachen Selbstvermarktung und Entrepreneurship.

Die Musikschule soll eben kein Elfenbeinturm sein, sondern ganz nah an der musikalischen Praxis agieren. So treten die Schülerinnen und Schüler schon während des Studiums regelmäßig in Kammer-, Orchester- und Solokonzerten auf, an mindestens 20 Konzerten pro Jahr ist jeder Student beteiligt. Das ist einer der ganz großen Unterschiede zur bisherigen Musikausbildung in Spanien: Wer ein echter Musiker werden will, so das Credo hier, muss vor allem lernen, vor einem kritischen Publikum zu bestehen. 350 Konzerte stellt die Escuela Superior de Música Reina Sofia jährlich auf die Beine und leistet damit einen wesentlichen Anteil an der musikalischen Grundversorgung der spanischen Hauptstadt.

Kammermusik auf höchstem Niveau: Banco de España Arriaga Ensemble

Das Konzept geht auf, Madrid ist mit seiner Königin-Sofia-Musikschule zur echten Talentschmiede geworden. Unter den mittlerweile 700 Absolventen finden sich Namen, die heute in großen Lettern auf Konzertplakaten weltweit stehen. Die Geigerinnen Leticia Moreno und Latica Honda-Rosenberg etwa, die Cellistin Sol Gabetta und die Pianisten Arcadi Volodos, Denis Kozoukhin und Eldar Nebolsin, sie sind sozusagen die Visitenkarten dieser relativ jungen Elite-Ausbildungsstätte. Und wie sieht es mit den Wettbewerben aus? Hört man da nach „and the winner is“ nun auch Spanisches? Juan Pérez Floristán gewann 2015 den International Santander Piano Competition; das Klavierduo Victor und Luis del Valle 2005 den zweiten Preis beim ARD-Wettbewerb in München; der Cellist Pablo Ferrández wurde 2016 zum „Young Artist of the Year“ der Musikkritiker-Jury der International Classical Music Awards gewählt; Miguel Colom beendete 2015 den Berliner Max-Rostal-Violinwettbewerb als Dritter. Das Feld trägt Früchte, keine Frage.

Ein Feld, das in Madrid ganz bewusst besonders gründlich beackert wird, ist das der Kammermusik. Ensembles dieser Art, Streichquartettformationen etwa hatten in Spanien früher absoluten Seltenheitswert. Mittlerweile gibt es immerhin zwei Formationen von internationalem Renommee, nämlich das Cuarteto Casals und das Quiroga Quartet – beide wurden hinter den Mauern der Reina Sofia School of Music gegründet.

Wenn sich jetzt die Escuela Superior de Música Reina Sofía im Rahmen der Kulturtage in der Alten Oper Frankfurt vorstellt, kann man die exzellenten Studierenden sowohl im Kollektiv als Kammerorchester erleben als auch in kleiner Besetzung als Banco de España Arriaga Ensemble. Das ist kein festes Ensem­ble, vielmehr eines, das sich immer wieder erneuert, ein aktiver Lehrkörper im Ensemblespiel also. Die kleine Formation trägt den Sponsor „Banco de España“ im Namen, das Kammerorchester heißt offiziell La Camerata Viesgo de la Escuela Reina Sofía – Viesgo ist ein spanischer Energieversorger. In Deutschland ist die Sponsorennennung gleich im Ensemblenamen recht unüblich, in Spanien war es das auch, vor allem in den 1990ern, als die zu 90 Prozent privat finanzierte Schule gegründet wurde. Auch da ging die Escuela de Música Reina Sofía, wie in so vielem, neue Wege.

Keine Spanier auf den guten Plätzen? In Madrid wird seit 1991 exzellenter Nachwuchs ausgebildet.

Kammermusik auf höchstem Niveau:
Banco de España
Arriaga Ensemble