Der Flamenco: Weltkulturerbe und Inspirationsquelle zugleich

Von Ruth Seiberts

Sara Pérez.
Mitglied des Ballet Flamenco de Madrid

Temperamentvoll? Feurig? Rhythmisch eingängig? Gut mitsingbar und tanzbar? Wenn es um spanische Musik geht, stellen sich bei vielen Menschen gleich gängige Bilder ein, feste Assoziationen, sicher auch das ein oder andere Klischee. Spaniens Musik- und Tanzkultur hat in der Tat einiges zu bieten und ist geprägt von vielen Einflüssen, schließlich hat die ehemalige See- und Handelsmacht Verbindungslinien in unterschiedlichste Kulturen geschaffen. Aber wenn sich Musik und Tanz überhaupt generalisieren lassen, dann höchstens durch genau diese Durchlässigkeit. Hochkultur oder Mainstream, Jugendkultur oder Programm für reifere Semester, „authentische“ Kunst oder Touristenaufführung: Puristen mögen sich mit solchen Unterscheidungskriterien gern beschäftigen, in Spanien selbst allerdings, so scheint es, schert man sich weitaus weniger darum. Vielleicht konnte nur ein Land wie Spanien einen Opernstar wie Plácido Domingo hervorbringen – Sohn einer Zarzuela-Sängerin und eines Zarzuela-Sängers und damit von klein auf vertraut mit einer Gattung, die sinnbildlich für die Verbindung von Oper und volksnaher Musik steht. Für Plácido Domingo jedenfalls war das Sowohl-als-auch, das Vermittelnde stets ein Herzensanliegen: mehr als 120 Opernrollen, gefeiert weltweit auf allen wichtigen Bühnen als großer Verdi-Sänger. Aber auch: Duette mit Carlos Santana, John Denver, Xavier Naidoo oder Helene Fischer, Auftritte bei den „Simpsons“ und in der „Sesamstraße“.

Vielleicht noch mehr als alle anderen Genres ist es der Flamenco, der für Austausch und Beeinflussung, für Adaption und Aneignung steht. Flamenco strahlt in verschiedenste Richtungen aus – in den Jazz (z. B. bei Chick Corea oder Paco de Lucía), in die Popmusik (man denke an die Gipsy Kings) und auch in den Tanz. So tragen etwa der Turniertanz „Paso Doble“. wie auch die Sevillanas, jener in Andalusien stark verbreitete Volkstanz, Elemente des Flamenco in sich.

Aber der Flamenco hat seit jeher seine Charakteristika auch selbst aus verschiedenen Quellen bezogen. Man vermutet, dass etliche der für den Flamenco typischen Modulationen von den Arabern stammten, die schließlich jahrhundertelang in Andalusien herrschten. „Olé“, der klassische Anfeuerungsruf, soll sich im Übrigen aus dem Wort „Allah“ abgeleitet haben. Aber auch die Zigeuner, die Anfang des 15. Jahrhunderts nach Spanien kamen, prägten die dortige Musik mit indischer Folklore. Manche Stile gelangten gleichsam im Gepäck der spanischen Auswanderer nach Lateinamerika, wurden dort „eingefärbt“ und kamen in der gewandelten Form mit den Auswanderern zurück nach Spanien. „Ida y vuelta“, „Hin- und Rückfahrt“, heißen diese Flamenco-Gesänge, zu denen etwa die lebensfrohe „Colombiana“ oder die „Guajira“ zählen.

Antonio Reyes spielt gefühlvoll die Flamenco Gitarre

Diese Vielfalt wird lebendig, wenn sich die EUROPA-KULTURTAGE der Europäischen Zentralbank am 26. Oktober 2017 der wohl berühmtesten spanischen Musiktradition – die immerhin im Jahr 2010 von der UNESCO als immaterielles Weltkulturerbe anerkannt wurde – widmen. In Kooperation mit der Stadt Frankfurt lädt die EZB in die Paulskirche ein und verbindet den Einblick in die Kultur des Flamenco mit einem guten Zweck: Der Spendenerlös des Benefizkonzerts kommt der Initiative Main Kind zugute, die sich mit großem Engagement gegen Kinderarmut in Frankfurt einsetzt und bereits viele Einrichtungen unterstützt und eigene Projekte realisiert hat. Für den Charity-Abend in der Paulskirche wurde eine Riege der besten Flamenco-Musiker nach Frankfurt verpflichtet: die Tänzerin Sara Pérez, seit 2011 Mitglied des berühmten Ballet Flamenco de Madrid, und ihr Kollege Juan Carlos Avecilla, der sich nicht nur in seiner Heimat Cádiz, sondern auch in Madrid einen Namen als hervorragender Tänzer und Lehrer gemacht hat. Jesús Chozas gilt als einer der ausdrucksstärksten Flamenco-Sänger, unterstützt wird er von dem jüngeren Víctor Palacios. Zu Antonio Reyes (Gitarre) und Rafael Casado (Percussion) gesellt sich Adrían Rodríguez an einem für den Flamenco eher untypischen Instrument – dem Violoncello. Es seien immer „besonders wertvolle Studien- und Entdeckungsreisen“, wenn er mit Flamenco-Musikern zusammenarbeite, erzählt der Cellist, der sich seit den 90er Jahren immer wieder neugierig auf verschiedene Flamenco-Projekte einlässt.

In „cante“, „toque“, „baile“ (Gesang, Instrumentalspiel und Tanz), den drei Säulen des Flamenco, stellen die Musiker die reiche Flamenco-Kunst vor und kombinieren dabei Traditionelles mit neuen Elementen. Ihr Abend führt dabei nicht nur durch die leidenschaftlichen Emotionen wie Freude, Schmerz, Wut, die mit dem Flamenco zum Ausdruck gebracht werden können, sondern auch durch die verschiedenen Formen des Flamenco, die sogenannten „Palos“. Der hochdramatisch-düstere „Taranto“ ist ebenso vertreten wie die „Alegría“, die die Freude schon im Namen trägt. Der beschwingte „Fandango“ trifft auf die komplexe „Soléa por bulerías“ mit ihren eigenwilligen Akzentverschiebungen. Energische Fußarbeit wird abgelöst von fließenden Handkreisen, weite Gesangslinien folgen auf perkussive Passagen, für die es als Instrument oft nicht mehr als bloß zweier Hände bedarf. Temperamentvoll, feurig, rhythmisch.

 

Sara Pérez. Mitglied des Ballet Flamenco de Madrid

 

Antonio Reyes spielt gefühlvoll die Flamenco Gitarre.